Montag, 25. April 2011

Transplantationsmedizin - No-Touch-Periode im Visier

un-dos-tres / one-two-three / go-go-go
Gottfried Keller hat einmal gesagt: "Man beurteilt Menschen ganz anders und allein richtig, wenn man nichts von ihnen haben will".

Das war lange vor unserer Zeit und von Transplantationsmedizin wusste man damals überhaupt nichts. Es ist eine weise Aussage, welche gerade im Zusammenhang mit der Entnahme von Organen nach einem Unfall oder einem Herzstillstand aktueller ist denn jeh.

Die Vorgehensweise ist nicht überall dieselbe, ebensowenig wie das Rekrutieren von Organspendern. So ist denn auch die Zahl der durchgeführten Transplantationen entsprechend unterschiedlich und steht in einem logischen Zusammenhang mit den gesetzlich geregelten, sprich: legalisierten Praktiken.

In Ländern wie Spanien und Portugal gilt die Widerspruchsregelung, wonach nach dem Tod jeder zum Organspender gemacht werden kann, der dies nicht zu Lebzeiten ausdrücklich verweigert hat. In Deutschland und der Schweiz gilt die erweiterte Zustimmungslösung, wonach eine Organentnahme nur dann möglich ist, wenn der Patient zu Lebzeiten einer Spende zugestimmt hat oder seine Angehörigen es nach dessen Tod tun. Spanien und Portugal sind denn auch führend, was die Organspenden anbelangt, die Schweiz ist ganz am Schluss zu finden; weniger Spenden gibt es nur noch in Polen.

Anders als in Deutschland und der Schweiz, wo erst der Hirntod eines Menschen grünes Licht zur Organentnahme gilt, genügt in Spanien ein Herzstillstand. Dies hat den Vorteil, dass die Organe bis zur Entnahme genügend durchblutet und in optimalem Zustand sind.

In GEO 05 / Mai 2011 (hier ein Kurzauszug) beschreibt Martina Keller unter dem Titel "Tatort Klinik Madrid" die unglaubliche Geschichte des in Spanien lebenden Rumänen Nicolae Dimutrescu (Name von der Redaktion geändert), welcher auf der Arbeit einen Herzstillstand erlitt. Um 12.18 Uhr wird er unter Code 0 in der Madrider Klinik San Carlos eingeliefert. Code 0 bedeutet, dass es sich um einen potenziellen Organspender handelt und das ruft das Transplantationsteam auf den Plan. Diese Leute stehen ganz besonders unter Druck, da die Zeit in solchen Fällen immer knapp ist. Warten sie zu lange, sind die Organe eventuell mangels Durchblutung unbrauchbar, warten sie zu kurz, ist der Patient womöglich noch nicht wirklich tot.

Obwohl der Tod des Patienten noch nicht festgestellt wurde, trifft man ohne Rücksprache mit den Angehörigen erste Vorbereitungen für die Organentnahme. Heparin wird aufgezogen, ein Medikament, das dazu dient, das Transplantationsgut vor Blutgerinseln zu schützen. Da es den Tod beschleunigen könnte, muss der Intensivmediziner den Patienten vor der Injektion für Tod erklären. Da stellt sich die Frage, ob er wirklich frei ist in seiner Einschätzung der Lage, umgeben von Kollegen, die nur darauf warten, endlich loslegen zu können.... schliesslich geht es um Menschenleben, vor allem aber um sehr viel Geld!

12.30, also gerade mal 12 Minuten nach Einlieferung ist es soweit, der Intensivmediziner unterschreibt das vorgedruckte Formular. Jetzt ist Nicolae Dimutrescu offiziell tot, obwohl er noch immer aussieht wie ein Bewusstloser, der auf Hilfe angewiesen wäre.

Beatmung und Herzdruckmassage werden nun fortgesetzt, um die Organe vor Sauerstoffmangel zu schützen. Aus dem Patienten Dimutrescu ist in den Augen der modernen Medizin offenbar ein (seelenloser?) Organspender geworden. Die gesetzlich vorgeschriebene "No-Touch-Periode" - in Spanien gerade mal 5 Minuten - wird in seinem Fall ganz klar nicht eingehalten, was zu einem unangenehmen Nachspiel führen wird. Die Maschinen arbeiteten durchgehend, bis auf einen kurzen Moment, als eine Röntgenaufnahme angefertigt wurde. Später wird behauptet, der ambulante Rettungsdienst habe die Wiederbelebung für 5 Minuten unterbrochen. Der Pressesprecher des Rettungsdienstes erklärte demgegenüber, Dimutrescu sei 60 Minuten lang non-stop reanimiert worden, so stehe es auch auf dem Papier zur Todesfeststellung.

Professor Núñez Peña zieht Herztote als Organspender den Hirntoten vor. Die seien durchschnittlich jünger und gesünder als letztere. Der Madrider Marathon liefere jedes Jahr mindestens einen Spender. Noch immer ohne Rücksprache mit Dimutrescus Familie wird die Organentnahme aktiv vorbereitet. Hier ein Schnitt, da ein Schnitt, Arterie und Vene freigelegt, den Körper an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, eine Kühlflüssigkeit in die Lunge gepumpt.... 13.20 Uhr sind die Vorbereitungen beendet. Nun erst wird die Zustimmung der Lebensgefährtin eingeholt. Die damit beauftragte Schwester hat eine spezielle Schulung durchlaufen, appelliert an Grosszügigkeit und Verbundenheit, stellt die Spende als einzige Lösung dar. 14.30 gibt auch die Freundin des Verstorbenen grünes Licht, 15.22, also nur 3 Stunden nach Eintreffen des Rettungswagens in der Klinik, beginnt die Entnahme, nachdem auch ein Richter seinen Segen gegeben hat.

Wann ist ein Sterbender tot? In den USA sei die Wartezeit zwischen Herzstillstand und Beginn der Entnahme so kurz wie sonst nirgendwo auf der Welt. In manchen Kliniken dauere die No-Touch-Periode nur 2 Minuten oder, wie 2008 im New England Journal of Medecine berichtet, im Falle von zwei Neugeborenen mit schweren Hirnschäden nur 75 Sekunden.

Bei so viel Geldintressen wird es für den Einzelnen gefährlich. Erst galt der Hirntod als Indiz für den Tod eines Menschen, jetzt der Herzstillstand. Wird bald einmal eine Schlafapnoe genügen, um zwischen zwei Atemzügen zum Organspender erklärt und ausgeweidet zu werden. Kann man sich bald weder einen kurzen Büroschlaf noch einen Sekundenschlaf leisten, ganz zu schweigen von geistiger Abwesenheit?

In manchen Kulturen wird nach dem Hinschied eines Menschen mindestens 4 Tage gewartet, um der Seele Zeit zu geben, sich vom Körper zu lösen. Vielerorts werden spezielle Zeremonien durchgeführt, voller Liebe und Respekt. Aus meiner langjährigen therapeutischen Erfahrung weiss ich: der Körper ist viel mehr als eine Maschine oder ein Organlager. Der Körper ist ein hochintelligentes, differenziertes Wesen, immer bereit, für uns den optimalen Zustand wieder herzustellen, sofern wir ihm die nötigen Voraussetzungen dafür schaffen.

Es ist unsere Sicht der Dinge, die das Vorgehen bestimmt. Auch im Zusammenhang mit der Todesfeststellung gilt wohl Gottfried Kellers Aussage, eine Beurteilung sei nur dann richtig, wenn man frei ist von Begehren.

PS: Stirbt ein Tourist z.B. in Spanien, gilt dann lokales Recht oder die Rechtssprechung des Herkunftslandes? Wäre nicht unwichtig zu wissen, z.B. vor dem nächsten Mallorcaurlaub!
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