Dienstag, 11. Mai 2010

Wohlfühlfaktor statt Wohlstandsfaktor


Oh (money)honey, just 10 Dollars"... begeistert drehte die Touristin das Tunesienandenken in ihren Händen.... und mit "let's buy it!" war der Kauf eigentlich schon getätigt. Brav zückte der gut dressierte Ehemann seine Brieftasche und war froh, auf so einfache Weise den Redeschwall seiner besseren Hälfte eindämmen zu können.

Der Händler schluckte dreimal leer und schaute etwas ungläubig auf die Banknote in seinen Händen. So eine hatte er, wenn überhaupt, erst ganz selten gesehen. Sein Tag war gerettet und er konnte bereits den Minztee riechen, den er sich gleich mit seinen Freunden würde gönnen können. Er schloss seinen Souvenirshop und nahm sich die Musse, zu leben. Diese Geschichte habe ich anno domini selber miterlebt.

So ein Verhalten ist den Gierigen und Unersättlichen der heutigen Zeit völlig fremd. Der Mann hätte das Geschäft seines Lebens machen können, doch was tut der Kerl: er macht seinen Laden dicht, wenn auch nur für einen Tag oder eine Woche.

Genügsamkeit statt Lust nach mehr, Lebensfreude statt rackern und sparen. Das Bruttosozialprodukt mag in solchen Ländern etwas anders ausfallen als in den modernen Industrienationen... Wohlfühlfaktor statt Wohlstandsfaktor.

Gemäss IWF lag Tunesien 2009 auf der Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Rang 96, auf der kaufkraftbereinigten Liste auf Rang 89. Als Vergleich: die Schweiz lag im selben Jahr auf Rang 4 resp. 7. Eine vergleichbare Liste bezüglich Lebensqualität existiert, soviel ich weiss, nicht, denn da würden die Letzten wohl die Ersten sein.

Griechenland belegte übrigens interessanterweise im gleichen Zeitraum offiziell auf beiden Listen den guten 26 Rang von total 182. Das gibt einem echt zu denken, denn denen fallen momentan noch die letzten Ruinen unter dem Hintern zusammen. Aber Hilfe naht. Notkredite sogar von Ländern, welche sich, wie Slowenien, das Geld zum Verleihen erst selber leihen müssen. 384 Millionen Euro muss dieser Staat zum internationalen Hilfspaket beitragen. Auch die Schweiz beteiligt sich mit 5,6 Milliarden. Irgendwie erinnert die ganze Situation ein wenig an den Zauberlehrling. Keiner sieht mehr durch, und so versucht denn jeder auf seine Weise, seine Schärfchen ins Trockene zu bringen und in erster Linie sich selber vor dem Untergang zu bewahren.

Ob irgendein Flaschengeist das Ganze richten mag oder ob wir alle vom grossen Strudel mitgezogen werden?

Ich träume jedenfalls von einer Welt, in welcher wieder andere Werte gelten und Menschen mit Sachverstand, einer ethischen Haltung, mit Grundsätzen, mit Verantwortungsgefühl und Weitblick unsere Geschicke leiten und nicht, wie im Moment, die Dümmsten mit den grössten Salären und den meisten Connections im Sinne von "Souhäfeli, Söidecheli". Ansonsten muss man sich allmählich etwas überlegen oder, wie dieses Tier, einen Ausweg resp. das Weite suchen.



Ob wir uns dabei auch so geschickt anstellen werden?

Kommentare:

Guenter F. hat gesagt…

wie wahr, wie wahr. Sie haben ja so recht, Frau Schwab, mit Ihrer Ansicht zu denen, die uns alle leiten.
Kennen Sie übrigens den Spruch: "der Klügere gibt nach, deshalb wird die Welt von Idioten regiert"
Klingt schnoddrig, hat aber einen gewissen Wahrheitsgehalt.
Wer bei uns am lautesten schreit hat recht.
trotzdem schönen Abend, ein Wunsch aus der Pfalz in die Schweiz
Günter Fietz

Annemarie Schwab hat gesagt…

Dem ist nichts hinzuzufügen... und ich denke, wir stehen mit unserer Ansicht nicht alleine da.
Herzliche Grüsse aus einem eher kühlen Bern in die Pfalz und bis mal wieder! =D